Ein kurzer künstlerischer Positionsbezug

 

Die Wiederentdeckung der Landschaft

Landschaft und Gebirge – Uns Menschen immer beschäftigend, und neben dem menschlichen Angesicht das wesentlichste Sujet einer elementaren Daseinsbefragung.

Erfahrungen im Hochgebirge führen zum Erinnern an die Relativität der eigenen Größe, Kraft und Möglichkeiten. Daher fordern gerade Berge es heraus, solche Relationen klarzustellen.

Im Sinne der naturgestaltenden Kräfte kann man Berge als Archetypen plastischer und skulpturaler Formung sehen. Dabei sind Sedimentation, Erosion, Faltung, Gewicht, Druck, Wind und Wasser, oft verbunden mit Wärme, als Beispiel zu nennen.

Die Basisvoraussetzung dafür liegt schlichtweg in der ZEIT.

Aus den geologischen Schichten und Strukturen lässt sich die Geschichte der Berge ebenso wie unsere eigene erkennen. So waren die lieblichen Mittelgebirge Mitteldeutschlands einst schroff aufgefaltete Hochgebirge, und unsere noch immer jungen Alpen werden in weiter Zukunft als sanfte Hügel vergreisen.

Berge stehen auch für das Fremde und Ungewohnte, was ebenso Unbehagen und Angst auslösen kann. Gerade im Vorfeld meiner Arbeitsexpedition, da ich auf diese Fremde weder mit Flucht, Verweigerung oder Aggression reagiere, wirkten die Berge auf mich umso anziehender.

Es treibt mich weder Zivilisationsflucht noch die Suche nach meditativer Einsiedelei oder die Sucht nach extremem Alpinismus ins Gebirge.

Das Hochgebirge, als Grenzraum und Urkonstante dieser "Welt", bedeutet für mich auch elementare Sehnsucht und metaphorischer Ort für die Suche nach Geheimnis im Unendlichen. Unendlichkeit ist hier nicht religiös zu verstehen, gemeint sind die sich in Zeit und Raum verlierenden Bergwelten.

So kann es mir möglich werden, Erhabenheit als inneren Wert zu empfinden - Ganz allein im Gebirge lebend auf mich selbst gestellt und dem immer präsenten Raum aus Schnee und Stein gegenüber – gleich einem Dialog.


F. Petrarca – Poet und Bergsteigerpionier

An dieser Stelle möchte ich mit einem kleinen Exkurs über den italienischen Poeten Francesco Petrarca anzuknüpfen, dessen Texte nicht zuletzt auch im Feld der Kunstgeschichte zum akademischen Kulturgut geworden sind. Sein Name verbindet sich unlösbar mit dem nördlich von Avignon gelegenen und 1.909 Meter hohen Berg Mont Ventoux. Ein von ihm nach der Besteigung geschriebener Brief an einen Freund ist vom 26. April 1336 überliefert. Dieser Text ist gleichzeitig die erste komplexe Naturschilderung der neuen europäischen Literatur.

Für sein Vorhaben war er rein "ästhetisch" motiviert und vom Drang beseelt, einen sehr hohen Ort mit einer außergewöhnlichen Aussicht zu sehen. Er wanderte aus Neugier und wollte sehen um des Sehens willen, somit den Berg als eigenständiges Objekt wahrnehmen, so wie er sich, das erlebende Subjekt, als selbst erfahrendes Gegenüber erkannt hat.

Dieser Zugang zu einer neuen ästhetische Naturwahrnehmung beschreibt eine moderne Subjektivität, die sich aus einem göttlichen Zusammenhang löst.

Weiterhin war er im neuzeitlichen Selbstverständnis gleichzeitig der Pionier des modernen Bergsteigens, denn in Petrarcas Umgebung war bergsteigen nur des Bergsteigens wegen etwas Unerhörtes. Hervorzuheben ist in Petrarcas Erfahrungen nicht nur der Aspekt des Schönen, sondern entscheidend der des UNENDLICHEN in einer ästhetischen Erfahrung.

Hier kann man Parallelen vom "Inneren Auge" Petrarcas zu dem "Inneren Auge" als Innenschau und Seelenspiegel von Landschaft in einer Naturauffassung Casper David Friedrich ziehen.

Das Thema Berg bearbeite ich seit ungefähr 4 Jahren, doch liegen wesentliche Bergprägungen um viele Jahre länger zurück.


Eine Wiederentdeckung der Landschaftszeichnungen

Waren es in den ersten drei Jahren meines Studiums das Figürliche, die Portraits und Akte, die sich durch meine Arbeiten zogen, entdeckte ich in Italien für mich die Landschaft wieder.

Mit der Fachklasse von Prof. Ralf Kerbach unternahm ich 2003 eine Pleinair-Reise nach Italien. Wir wohnten nahe dem Pilgerweg des heiligen Franz von Assi in dem Bauerngehöft Fignano bei Arezzo, eingebettet in die urwüchsige raue Kalksteinlandschaft mit alten Waldbeständen der nördlichen Toskana. Von dort war in greifbarer Nähe der Gipfel des 1128 m hohen Monte Penna zu sehen, auf dem die Franziskanische Erinnerungsstätte "La Verna" inmitten dichter Nadelwälder liegt.

Unter dem Einfluss der von uns aufgesuchten großartigen Kunstschätze in Florenz, Siena, Assisi und Arezzo sog ich die Landschaften mit üppiger Flora und Fauna regelrecht in mich auf, viele Zeichnungen in Kohle und Grafit entstanden.

Nach dieser Fahrt experimentierte ich in unterschiedlichen Verfahren des Holz– und Linolschnitts sowie der Radiertechnik. So entstanden die ersten Kaltnadelarbeiten von toskanischen Landschaften.


Archäologische Grabungen im Hochgebirge

Zur gleichen Zeit begann eine enge Bindung zum Hochgebirge durch ein archäologisches Arbeitsfeld.

Im Jahre 2003 arbeitete ich zum ersten Mal auf der archäologischen Hochgebirgsgrabung, genannt "Ullafelsen", die sich im Fotschertal in den Sellrainer Bergen auf 1.900 m befand.

Während jener Zeit von zwei Monaten auf dem "Ullafelsen" war ich unausweichlich einer beeindruckenden Bergwelt täglich und stationär ausgesetzt, die mich, anders als auf den sonstigen Wanderpfaden, in eine innere Notwendigkeit nach Gestaltung trieb und in mir eine tiefe Liebe zum Hochgebirge entfachte.

Die Arbeitsrichtung dieser Forschungsgrabung im Rahmen der Hochgebirgsarchäologie des Instituts für Geologie und Paläontologie der Universität Innsbruck entwickelte sich 1993 mit der ersten Grabungskampagne aus dem Forschungsinstitut für Alpine Vorzeit das den Mann aus dem Eis, bekannt als "Ötzi", entdeckte.

Die Grabung bot der Wissenschaft überraschende Einblicke in grundsätzliche Abläufe bei der Begehung des ostalpinen Hochgebirges in der frühen Nacheiszeit, also im Holozän, und der Nutzung vorhandener regionaler und überregionaler Ressourcen.

Der Fundplatz "Ullafelsen" wurde vor cirka 10.000 Jahren in der Zeit des Mesolithikums von Jägern und Sammlern höchstwahrscheinlich saisonal als Rast – und Jagdplatz aufgesucht.

Eine Erkenntnis der letzten 10 Jahre ist zugleich, dass die regelmäßige Überquerung durchaus auch hoch gelegener Pässe am Alpenhauptkamm kein Problem für die Menschen darstellte und somit im Mesolithikum erstmals ein Wege– und Handelsnetz über die Alpen bestand.

Beim Leben und auf Wanderungen meiner Radierexpeditionen 2003, 2004 und 2005 in den Sellrainer Bergen verbanden sich manchmal unmittelbare Erlebnisse von Natur mit einer lebendigen Vorstellung von unseren mesolithischen Ahnen, die diese Landschaft bis auf einige Unterschiede, wie etwa die Veränderung der Baumgrenze oder die neuzeitlich einsetzende Weidewirtschaft, fast wie in heutiger Form vorfinden konnten.


Kaltnadelradierungen

Während dieser Grabungskampagnen stand ich nun fortwährend unter dem Einfluss der Gesteinsmassen rauer Gebirgslandschaften. Ich entdeckte für mich sofort die gegenseitige Notwendigkeit und Steigerung des Sujets BERG und des Materials METALL.

Fernab jeder Vegetation, frei und verletzbar der Verwitterung wie Wunden ausgesetzt, steigern sich die Berge zu rein kraftvoller Masse. Der plastisch, raue Widerstand des Zink-Metalls entspricht für mich gleichsam der spröden Felsen-Natur des aufgeplatzten Gesteins. Dazu treten die Eigenheiten der Kaltnadeltechnik im späteren Druckprozess, wie zum Beispiel die malerisch flächigen Grauwerte, die sich quasi aus den organisch–weichen Schneeformen ausbreiten.

Dem direkt gespürten Erlebnis folge ich einem sukzessiven Prozess der Formfindung. Die notwendigen körperlichen Anstrengungen, um die Berge als intensive Begegnung und Begehung zu "Erfahren", werden Teil des Ganzen.

Daher kam es in den letzten Jahren regelmäßig zu ausgedehnten Radierexpeditionen – vorwiegend im Winter. Vor allem in dieser Jahreszeit schließen sich gleichsam das bizarre Detail und die große Form zu einer zauberhaften Spannung zusammen.

Es ist alles enorm grafisch!

Die Berge gewinnen gegenüber dem Sommer eher noch an Form, Volumen, Richtung und Bewegung. Die organischen Eigenformen des Schnees, vom Wind gestaltet – im Kontrast zum dunklen Fels. Bizzar! Reine Kraft, Gewalt, Mächtigkeit.